film. VÍCTOR ERICE. porträt

 

Essay für das Programmheft STADTKINO BASEL. Im Rahmen einer Werkschau des spanischen Filmschaffenden.

VÍCTOR ERICES RARE KOSTBARKEITEN (Januar 2014)
 

«Die Filme, die ich mache, enthalten immer auch den Schatten der Filme, die ich nicht machen konnte», sagt Víctor Erice. Nur drei abendfüllende Filme hat der 1940 geborene Spanier geschaffen. Jeder einzelne davon wurde als rare Kostbarkeit gefeiert. Bereits sein ErstlingEl espíritu de la colmena, 1973 noch unter der Franco-Diktatur entstanden, galt der Kritik auf Anhieb als Geniestreich und weltweit als Meilenstein nicht nur des spanischen Kinos. Im Abstand von je einer Dekade folgten die Vater-Tochter-Geschichte El Sur und zuletzt das einfühlsame Malerporträt El sol del membrillo. Leise, berückend schöne Filme allesamt, die um Erinnerungen, die vergehende Zeit, die Macht der Vorstellungskraft und die Folgen des Spanischen Bürgerkriegs kreisen. Dabei machen seine präzisen, lyrischen, lichterfüllten Kompositionen Erleben, Gefühle, die Reflektion über historische Zeit und Biografie sichtbar. Das Stadtkino Basel lädt zur Wiederentdeckung dieses singulären Cineasten und zeigt neben seinen drei Langfilmen auch drei seiner Kurzfilme sowie seine filmische Korrespondenz mit Abbas Kiarostami. Ergänzt wird die Reihe um ausgewählte Filme, die in seinem Werk auf unterschiedlichste Weise ihre Spuren hinterlassen haben.

 

Das Werk von Víctor Erice umfasst nur drei lange Filme. Es ist ein dem Perfektionismus verpflichtetes Opus, reich an autobiografischen Versatzstücken, doch beseelt vom Odem der universellen Gültigkeit. Erices Exzellenz ist die Sichtbarmachung von historischen und persönlichen Erinnerungen, von Eigenheiten der Zeitläufe sowie die kongeniale Einbettung all dessen in einen narrativen Fluss. Wobei die atmosphärisch dichte Lichtausgestaltung (das existenziellste Element im Film überhaupt) von besonderer Relevanz ist.

 

Víctor Erice wird 1940 in der baskischen Provinz Bizkaia geboren und repräsentiert eine Generation freigeistiger, kritischer Intellektueller, die – den politischen Ereignissen in Spanien geschuldet – zu Beginn ihrer Laufbahn ihre Kreativität nur partiell ausleben können. Anders als etwa der rund ein Jahrzehnt jüngere Pedro Almodóvar (*1949), der in der Transición – der bereits weltoffeneren Übergangsphase vom Franquismus zur parlamentarischen Monarchie (1982) – seine schwungvolle Karriere begründet.

 

Víctor Erices schöpferisches Talent dagegen sucht sich Nischen in der politisch-kulturellen Isolation. Ähnlich wie viele seiner Zeitgenossen in anderen Weltgegenden, die vom paralysierenden Totalitarismus gebeutelt werden. Etwa der Erice seelenverwandte Iraner Abbas Kiarostami, Filmkünstler in der Volksrepublik China oder in der damaligen Sowjetunion ein Andrei Tarkowski. Auch sie haben mit partieller Meinungsunfreiheit und Zensur umzugehen und zeigen ein Werk, das von märchen- und fabelhaften Allegorien, politischen Metaphern, symbolstarker Lichtarchitektur, suggestiven Musik- und Geräuschelementen durchwirkt ist. Und das oft eine raffinierte Kombination von fiktionalen und dokumentarnahen Erzählelementen ineinanderfliessen lässt.

 

Während Erices früher Kindheit ist der Spanische Bürgerkrieg zwar beendet, es tobt aber der 2. Weltkrieg und die Macht liegt in den Händen des diktatorischen Generals Francisco Franco (1892-1975). Víctor wird schon als Sechsjähriger mit dem Kino-Virus infiziert. Er sieht seinen ersten Film, The Scarlet Claw von Roy William Neill, einen spanisch synchronisierten, schwarzweissen Mistery-Thriller, der sich an Sherlock-Holmes-Motiven anlehnt. Der Bub ist gefesselt, fasziniert und vor allem verängstigt von einer geisterhaften Mörderfigur. 2006 reflektiert Erice im Kurzfilm La Morte rouge dieses Ereignis, welches seine emotionale Affinität fürs Kino prägte.

 

Nach der Schulzeit studiert er in Madrid Jurisprudenz, Politik- und Wirtschaftswissenschaft und besucht nach dem erfolgreichen Abschluss die Regieklasse an der Escuela de Cine in der iberischen Metropole. Er schreibt Drehbücher, inszeniert Kurz- und auch Werbefilme und beginnt als Kritiker zu arbeiten. Manche Erkenntnisse dieser intensiven Auseinandersetzung mit Film prägen seinen eigenen Stil. So ist sein Faible für die Strahlkraft des Lichts auch vom US-österreichischen Regisseur Josef von Sternberg (Shanghai Express, 1932) inspiriert: Erice: «Er war ein Meister der kinematografischen Extravaganz.»

 

1969 realisiert er mit Claudio Guerín (1939-1973), José Luis Egea (*1940) und Rafael Azcona (*1926) den Episodenfilm Los desafíos, in dem er mit evokativer Kameraarbeit, einem Mix aus Jazz-, Folk- und Hardrock-Sounds von der Interaktion von Sexualität und Gewalt erzählt.

 

Erice erlebt aus der Distanz mit, wie nicht nur im benachbarten Frankreich die linksintellektuelle Kulturszene revolutioniert wird. Diesbezüglich ist Spanien Ödland: Der wichtigste Filmemacher, Luis Buñuel (1900-1983), ist im Bürgerkrieg emigriert, kehrt zwar 1960 zurück, wird von systemkritischen Exilanten aber der Kumpanei mit Francos Regime verdächtigt. Als Mentor steht er der nach Reformen dürstenden, jungen Kulturszene nicht zur Verfügung. So wie viele andere grosse Geister Spaniens auch, etwa der Antifaschist Pablo Picasso (1881-1973), der vorab in Frankreich wirkt.

 

So bleibt das Kino, zumeist das kommerzielle US-Filmschaffen, Tor zur Aussenwelt. Doch Erice hat als Jugendlicher die Chance, Vittorio De Sicas 1948 entstandenes Meisterwerk Ladri di biciclette zu sehen. Erice: «Dadurch wurde ich mit dem Realismus im Film konfrontiert, sah Dinge, die ich bis anhin nicht kannte. Sah Gesichter, wie ich sie auf der Strasse sah, in Situationen, die mir vertraut waren. Jetzt verstand ich, dass Filme nicht nur Spass waren, sondern ein Akt von Widerstand sein konnten.» Als Student sieht er dann – in einer geheimen Vorstellung im kleinsten Rahmen an der Uni – ein anderes Schlüsselwerk des Italo-Neorealismo: Roberto Rossellinis Roma città aperta (1945); eine Seherfahrung, die Erice ultimativ zum Kino-Aficionado macht.

 

1973, zwei Jahre vor General Francos Tod, präsentiert Erice endlich sein Spielfilm-Debüt El espíritu de la colmena. Basis ist die Story zweier aufgeweckter Mädchen, die in ihrem Dorf eine Vorstellung des Filmklassikers Frankenstein(James Whale, 1931) mit Boris Karloff erleben. Das Werk handelt von der kindlichen Psyche, von Entdeckungsgelüsten, ist aber auch ein codierter Versuch, die Existenzbefindlichkeit der Menschen in der bedrückenden Stimmung nach dem Bürgerkrieg auszuloten. Auffällig ist die grandiose Arbeit von Kameramann Luis Cuadrado, der sich atmosphärisch an Malern wie Vermeer oder Caspar David Friedrich orientiert. Der Film wird hochgelobt und am Filmfestival in San Sebastian preisgekrönt.

 

Dann dauert es fast ein Jahrzehnt, bis Erice seinen zweiten Langspielfilm, El sur(1982), präsentiert. Ein Grund ist, wie Erice mehrmals äussert, die Schwierigkeit, seine Filme zu finanzieren. In El sur ist wieder ein Mädchen im Fokus. Berichtet wird von dessen Beziehung zum Vater, den politische wie persönliche Gründe in den Norden des Landes vertrieben haben. Das Kind interessiert sich für den oft beschworenen, mysteriösen Zauber des Südens und auch für die biografischen Geheimnisse des Vaters. Erice entfaltet erneut sein stupendes Gespür, die Suche seiner Figuren nach dem Sinn des Seins betörend abzubilden. Meisterlich inszeniert er Licht und Schatten, um die für das Mädchen geheimnisvolle Vergangenheit des Vaters auf die Leinwand zu bringen.

 

Obwohl der Schlussteil des Werks (er wäre im Süden Spaniens verortet gewesen) aus finanziellen Gründen nicht gedreht wird, ist El sur zwar eine Art Fragment, aber als Werk stimmig, ja magistral. Erice hat dazu einmal erwähnt: «Wenn man einen Film schreibt, wenn man an ihn denkt, bleibt immer etwas davon in einem drin. Auch wenn das Werk so nie entstehen kann. Man wird die vergeblichen Bemühungen in den Filmen finden, die ich wirklich drehe.»

 

Erices Tun ist vom Unelitären, Uneitlen umflort. Seine Filme – erzählerisch, stilistisch anspruchsvoll – sind für jeden Zuschauer dank ihrer Herztiefe zugänglich, weil Erice nie nur der Kreative an sich ist: «Meine Erfahrungen als Zuschauer sind vielleicht wichtiger als diejenigen, die ich als Filmemacher sammle.» Eine Haltung, die derjenigen von anderen grossen, etwa gleichaltrigen Cineasten verwandt ist: dem Amerikaner Terrence Malik (*1943), dem schon erwähnten Abbas Kiarostami (*1940), dem englischen Filmpoeten Terence Davis (*1945) und auch mit dem etwas älteren Russen Andrei Tarkowski (1932-1986), dessen Leitfilm Der Spiegel 1975, etwa zeitgleich mit El espíritu de la colmena, entstanden ist.

 

Davon zeugt auch Erices bislang letzter langer Film, El sol del membrillo (1992). Im Zeitraffer über die Jahreszeiten hinweg beobachtet er den Maler Antonio López, wie er die Schönheit eines Quittenbaumes festhält, wissend, dass ein Pinselstrich die Vergänglichkeit der Natur nicht aufhalten kann. Víctor Erice: «Malen ist im Gegensatz zum Filmen eine einsame Tätigkeit.» Doch weil sich der Filmer Zeit nimmt und seinem Partner Zeit lässt, werden diese zeitlich ungleichen, aber zutiefst verwandten Bildwelten in vollendeter Harmonie vereint. El sol del membrillo ist eine bildgewordene Reflexion über den künstlerischen Schaffensprozess mit Passion und Esprit.

 

Víctor Erice dreht weiterhin Kurz- und Episodenfilme, so Alumbramiento in Ten Minutes Older: The Trumpet (2002) und Vidros partitos in Centro histórico (2012). Er leitet Kurse, gibt sein enormes Wissen an andere weiter. Doch es ist zu hoffen, dass dieser noble Solitär des Weltkinos noch einmal seinen Esprit, sein Genie für eine grössere Gebärde bündelt. Denn wahr ist, was er zur Magie der bewegten Bilder sagt: «Ein Film existiert, wenn man ihn sehen kann. Ist kein Auge da, um die Bilder zu sehen, dann existieren sie nicht. Wenn ich einen Film beendet habe, dann gehört er nicht mehr mir – er gehört den Menschen, die ihn sehen. Ich bin nur der Vermittler in diesem Prozess».

 

Michael Lang